up-and-coming FilmDialog Hannover 2014 / 2015

Zwischen den Welten

"Beim up-and-coming FilmDialog im November (28. bis 30.11.2014) im Künstlerhaus in  Hannover ging es um nichts weniger, als eine Brücke zwischen zwei Welten zu bauen:

Auf der einen Seite das seit über dreißig Jahren bestehende und ständig wachsende up-and-coming-Netzwerk mit Filmtalenten und Ausbildern im Nachwuchsbereich, auf der anderen Seite Vertreter der professionellen Film-Wirtschaft, also Produzenten und Förderer. Die ersten sollten die Scheu vor "denen da oben" verlieren, die zweiten ihr nachsichtiges Belächeln der vermeintlichen Hobby-Szene "da unten".

Ich war vom up-and-coming-Team engagiert, um beim Brückenschlag zu helfen, da ich mich durch Seminare an Schulen und meiner Tätigkeit als Drehbuchautor in beiden Welten ein wenig auskenne. Und so war ich gespannt wie ein Flitzebogen, ob das Konzept aufgehen würde.

Der erste Tag

Dreißig junge Filmemacher und -macherinnen waren geladen und fast ebenso viele sogenannte "Entscheider" aus der Branche. Den Freitagnachmittag und -abend hatten wir mit Impulsreferaten, kleinen, demonstrativen  Dialogen zwischen Filmprofis und Vorstellungen von (teils internationalen) Förderkonzepten sowie Biografien von Filmtalenten vollgestopft - ein minutiöser Zeitplan, der kaum zu schaffen war und auch noch zwanzig Minuten zu spät begann. Wir wurden nervös.

Zumal die "Dialoge" eher vorne stattfanden, statt - wie der Veranstaltung angemessen - in die Reihen der Zuschauer und -hörer getragen zu werden. Auch schienen die Filmtalente ob der gesammelten Berufserfahrung ihrer Gegenüber doch sehr eingeschüchtert. Und genau das hatten wir ja verhindern wollen!

Der Tag war zwar gerade für junge Filmtalente eine Schatztruhe an Informationen und Möglichkeiten - aber die konzeptuelle Idee, die beiden Welten näher zueinander zu bringen, schien sich ins Gegenteil zu kehren: Ein paar der Produzenten wirkten angestrengt, weil sie zuviel von dem, was angeboten wurde, schon kannten, die Filmemacher blühten nur in den Pausen auf, wenn sie unter sich waren, und verstummten während der Angebote. Natürlich war dies neue Format ein Pilotprojekt, aber musste es deswegen gleich so zäh laufen?

Der zweite Tag

Doch dann kam der Samstag: Das "Speed-Pitching" brach alle Dämme. Jedes Filmtalent hatte drei Minuten Zeit, sein neustes Projekt einem einzelnen Gegenüber aus der Branche kurz vorzustellen und bekam dann für zwei Minuten eine Stellungnahme, bevor es auf den nächsten Stuhl weiterrücken musste zum nächsten Gegenüber. Den ganzen Vormittag herrschte ein Gesumme und Gebrumme wie in einem Bienenstock zur Ausflugszeit.

Und viel mehr als das: Es war für alle Teilnehmer gleich anstrengend, ob auf dieser oder jener Seite. Endlich hatten wir sie auf einer Ebene. Die Profis waren verblüfft, wie gut sich die Talente präsentierten, und die Talente waren verblüfft, wie viel respektvolles Feedback sie bekamen.

Durch den gemeinsam durchgestandenen Marathon herrschte auf einmal eine ganz andere, viel herzlichere Stimmung, die sich bis zum Ende des FilmDialogs halten sollte. So kamen auch die nachmittäglichen Workshops gut an: Etwa 15 Filmtalente bekamen ein Training in Selbstdarstellung, die internationalen machten sich mit ein paar deutschen Teilnehmern Gedanken zu einem multinationalen Projekt, und der Rest arbeitete an einem Modell für eine Talentförderung der Zukunft. Dessen Präsentation sollte dann am Sonntag sein.

Am Abend gab es noch die (erstmalige) Verleihung der "VIPER 2014" in einer rundum schönen und unterhaltsamen Veranstaltung: zehn junge Filmemacher hatten jeweils einen "Video-Pitch" ihres neusten Projekts gedreht - und standen nach dessen Präsentation noch kurz Rede und Antwort.

Die Bandbreite der Projekte ging dabei von der Kurz-Doku über Experimental­film und Horrorkomödie, über Animationsserie und Drama bis zur Superhelden-Persiflage. Der beste Video Pitcher wurde im Anschluss mit der VIPER gekürt, einem Hoodie Ein schöner Ausklang eines schönen Tages.

Der dritte Tag

Am Sonntag gab es erst ein Resümee und viel Lob für die verschiedenen Pitching-Einheiten des Vortags, dann wurden die Workshops ausgewertet: Und da schälte sich beim größten Workshop nicht nur ein Talentförderungsmodell heraus, sondern mehr und mehr ein ganzer Forderungskatalog: Eine Liste von Verbesserungen, die mit der Ausbildung von Schülern im multimedialen Bereich beginnt, über die Früherkennung von Filmtalenten an Schulen und Unis führt und bei der Etablierung von mehr Plattformen für Kurzfilme (vorläufig) endet - die zum einen eine eigenständige Kunstform sind und zum anderen die Visitenkarten der Langfilmregisseure der Zukunft.

Beim nächsten Mal - da waren sich alle einig - müssen auch Redakteure und Medienpolitiker zum FilmDialog geladen werden. Und am besten mit den Ergebnissen der letzten Veranstaltung zum Dialogisieren gebracht werden.

Fazit

Drei Dinge sind nach diesem anstrengenden und trotzdem unglaublich belebenden Wochenende sicher: Erstens brauchen die beiden Welten gar keine Brücke, denn es ist tatsächlich eine Welt ­- nur zu unterschiedlichen, fließend ineinander übergehenden  Zeiten. Damit alle das begreifen, muss es zweitens mehr Veranstaltung wie den FilmDialog geben - wie auch alle Teilnehmer am Ende einhellig forderten. Denn drittens hat der Dialog zwischen Filmtalenten und "Profis" gerade erst begonnen ..."

Christoph Honegger, Drehbuchautor, Hannover

 

up-and-coming FilmDialog 14/15 (Zusammenfassung)

Ein Austausch zur Vernetzung junger Talente mit erfahrenen Profis aus der Film- und Förderbranche vom 28. bis 30. November 2014 im Künstlerhaus Hannover.

Das internationale Filmfestival up-and-coming hat Netzwerke für junge Filmschaffende aus Deutschland und weltweit geschaffen und ein nachhaltiges Instrumentarium zur filmischen Nachwuchsförderung eingerichtet. Der up-and-coming FilmDialog will diese Netzwerke erweitern und verdichten.

Das Ziel:
Beim FilmDialog hinterfragen die Dialogpartner bestehende Wege, entwickeln neue Ideen und entwerfen Konzepte. Förderkonzepte werden crossover gedacht und vernetzt.

Die Themen 2014:

alternative Filmfinanzierung mit dem Schwerpunkt ‚Crowdfunding’; Präsentation von Filmstoffen und -projekten mit dem Schwerpunkt ‚Pitching von Filmideen’; beispielhafte Förderkonzepte.

VideoPitch Wettbewerb VIPER 2014:

Für den Wettbewerb wurden zehn Videos ausgewählt, in denen Teilnehmer des FilmDialogs ihre neue Filmidee vorstellen. Eine Live-Jury (Marieke Bittner, Henning Kunze,Fred Steinbach, Sybille Schedwill, Martin Zimmermann) hat zwei Videos mit der VIPER ausgezeichnet: ADAM&EVE von Joscha Thelosen und REST IN PIZZA von Hanna Seidel.